Anders wirtschaften in der Aktiengesellschaft: Paul Bethke von Lemonaid im Interview

23. Juli 2026

Lemonaid wandelt sich zur Aktiengesellschaft und macht die eigene Community zu Teilhaber*innen. Im Interview erklärt der Gründer Paul Bethke, warum er bewusst nicht den Weg über Genossenschaft oder Verantwortungseigentum gewählt hat, wie Mitbestimmung als „Fairholder“ funktionieren soll und weshalb soziale Wirkung und unternehmerischer Erfolg für Lemonaid untrennbar zusammengehören.

 

Dieser Beitrag wurde von der GLS Crowdfunding GmbH als vertraglich gebundener Vermittler gemäß § 3 Abs.2 WpIG der Concedus GmbH für die Plattform GLS Crowd erstellt. Die GLS Crowd ist eine Plattform, die zukunftsweisende, sozial-ökologische Unternehmen und Projekte mit Menschen verbindet, die ihr Geld sinnstiftend einsetzen möchten.

Lemonaid wird zur Aktiengesellschaft, die Community zu Teilhaber*innen. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden – und nicht für eine Genossenschaft oder Verantwortungseigentum?

Aufsichtsrat Lemonaid

Wir wollten immer zeigen, dass es in der Welt des Unternehmertums auch fair und sozial vor sich gehen kann. In der Wahrnehmung der Wirtschaft sind Genossenschaften leider noch keine wirklichen Vorbilder. Was keine Kritik an deren Grundstruktur sein soll. Genossenschaften sind super Konzepte.

Aber wenn für alle, auch stark wirtschaftlich orientierten Unternehmen ein positives Beispiel ins Feld geführt werden soll, kann das in unseren Augen keine Genossenschaft sein. Die Strahlkraft ist zu gering. International ist dieser Punkt noch relevanter. Im Englischen ist die Genossenschaft übersetzt eine Kooperative. Wir haben uns bereits in 2009 entschieden den Weg eines wirtschaftlich orientierten Unternehmens zu gehen. Um genau hier einen starken Punkt zu machen. Da wo er noch viel zu wenig gemacht wurde. Damals mit einer einfachen GmbH. Dieses Zeichen nun auch in die Welt der AG´s auszuweiten ist daher in unseren Augen nur konsequent.

Sie grenzen sich bewusst von klassischen Investor*innen ab und verstehen Ihre Community als „Fairholder“. Wie stellen Sie sicher, dass diese Mitbestimmung nicht symbolisch bleibt, sondern echten Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen ermöglicht?

Unser Unternehmen bleibt in Gründerhand. Das haben wir klar kommuniziert. Gleichzeitig möchten wir all unsere Supporter*innen an unserer Reise beteiligen. Eine AG hat sehr demokratische Strukturen. Auch für kleinere Beteiligungen. Allein das Auskunftsrecht als Beispiel ist sehr weit gehend. Gleichzeitig wird natürlich über alle großen Themen gemeinsam bestimmt. Das ein einzelner Aktionär nicht die Richtung der AG vorgeben kann ist klar und auch bewusst so gewählt. Wir wollen weiterhin sicher stellen, dass der soziale Geist unseres Projektes immer und überall gewahrt werden kann.

Es geht darum, anderen Aktiengesellschaften zu zeigen, dass es auch anders gehen kann. Was Lemonaid hier macht, hat bislang noch kein Social Business gewagt: Es ist das erste Social Business, das den Schritt zur Aktiengesellschaft geht.

Es geht darum, anderen Aktiengesellschaften zu zeigen, dass es auch anders gehen kann. Was Lemonaid hier macht, hat bislang noch kein Social Business gewagt: Es ist das erste Social Business, das den Schritt zur Aktiengesellschaft geht.

Paul Bethke, Lemonaid

Ihr Unternehmen steht für soziale Verantwortung und Fair Trade. Zugleich gab es in der Vergangenheit Konflikte mit dem Finanzamt – verbunden mit dem Vorwurf, man sei gewissermaßen „sozialer, als der Staat erlaubt“. Wie gehen Sie mit solchen regulatorischen Hürden um? Und wo sehen Sie grundlegende systemische Schwächen im Verhältnis von Staat, Wirtschaft und Sozialunternehmertum?

Der Vorwurf wir würden Getränke herstellen, die zu wenig Zucker enthalten und zu sozial sind war jeweils grotesque. Wir haben in beiden Punkten bewusst einen unkonventionellen Weg gewählt. Um zu zeigen, dass es auch anders geht. Gesünder und mit sozialem Impact. Beides hat uns zunächst viel Rückenwind gegeben. Vom Gründer – über den Unternehmerpreis bis hin zu verschiedenen Zukunftspreisen. All das war natürlich nur durch unser andersartiges Konzept möglich.

Plötzlich wendete sich dann das Blatt und uns wurde ein Vorwurf daraus formuliert. Wir unterstützen seit über 17 Jahren gemeinnützige Projekte im globalen Süden und Sea-Watch im Mittelmeer. Hieran störten sich plötzlich die Finanzämter und meinten es mache unternehmerisch keinen Sinn etwas Soziales zu unterstützen. Es hätte keinen unternehmerischen Wert. Dies hätte einen riesen Rückschritt für alle Social Businesses bedeutet. Denn der Vorwurf geht natürlich ans Mark der Bewegung. Glücklicherweise konnten wir die oberste Richterin des Finanzgerichtes überzeugen, dass es nicht sein kann, dass ein Rennstall oder ein Fußballverein von Getränkeherstellern supportet werden darf. Ein soziales Projekt in Indien aber nicht. Natürlich kaufen und unterstützen uns die Menschen auch genau aufgrund dieses Mehrwertes. Und am Ende wurde dies auch klar vom Gericht gewürdigt. Es wurde den Ämtern sogar die Revision gegen das Urteil verweigert. Ein seltener Schritt eines Gerichtes um Klarheit in der Entscheidung zu unterstreichen. Jetzt ist es damit jedem Social Business mit mehr Rechtssicherheit möglich, ähnlich wie wir zu agieren. Also ein großer Schritt für über 500 in Deutschland aktive Social Businesses.

Die Gründung und kontinuierliche Förderung des Lemonaid & ChariTea e. V. ist ein zentraler Bestandteil Ihres Modells. Wie begegnen Sie dem Vorwurf, solche Vereinsstrukturen könnten auch als Marketinginstrument eingesetzt werden? Und wie gelingt Ihnen eine glaubwürdige Abgrenzung gegenüber klassischem Sozialmarketing?

Wir haben uns gegründet um ein Zeichen zu setzen. Um zu zeigen, dass soziales Handeln und wirtschaftlicher Erfolg sehr wohl Hand in Hand gehen können. Und das ist uns gelungen. Natürlich müssen wir dies auch kommunizieren. Wenn uns das jemand vorwirft versteht er schlicht nicht, dass wir mit unserem Ansatz andere anstecken wollen – im positiven Sinne. Wir wollen für eine Bewegung werben, die erkennt, dass es andere Wege braucht um langfristig gemeinsam auf diesem Erdball wieder eine gute Zeit haben zu können.

Welches Projekt ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen – oder hat Sie in besonderer Weise beeindruckt?

Ich selber bin immer wieder schockiert, wie Europa sich als Schirmherr der Menschenrechte darstellt und dann an entscheidenden Punkten versagt. In diesem Zusammenhang ist mir die Arbeit von Sea-Watch sehr ans Herz gewachsen. Hier ein Teil von sein zu können ist mir eine große Freude. Es ist aber nicht „das“ eine Projekt. Auch die vielen Kleinstunternehmen, mittlerweile über 1400, die durch unsere Unterstützung gegründet wurden, sind beeindruckend. Es ist die Summe der mittlerweile über 100 schönen Initiativen, die das was wir tun wirklich besonders macht.

Was war die kurioseste oder überraschendste Rückmeldung, die Sie je von Kundinnen oder Kooperationspartnerinnen erhalten haben? Und hatte sie Einfluss auf Ihre Unternehmenskultur?

Ich glaube der Vorwurf des Verbaucherschutzes, dass unsere Produkte zu wenig Zucker enthalten kommt klar auf Platz 1. Verbraucherschutz als Terminus beschreibt ja eigentlich den Sinn des Amtes. Das musste ich erstmal verarbeiten und hatte lange geglaubt, dass wir im Dialog mit dem Amt Überzeugungsarbeit leisten können. Dem war allerdings nicht so. Am Ende half nur  massiver öffentlicher Druck durch unsere Kommunikation um die absurden Regeln zu ändern. Heute darf nun endlich jeder Hersteller offiziell auch gesündere Limonaden herstellen. Verrückt, dass dies 5 Jahre Auseinandersetzung benötigte.

Welche sozialen oder ökologischen Entwicklungen beobachten Sie derzeit, die bislang noch wenig Beachtung finden, die kommenden Jahre aber maßgeblich prägen könnten? Und wie bereiten Sie Lemonaid darauf vor?

Ich habe das Gefühl, dass es eine Rückbesinnung auf die Gemeinsamkeiten aller Menschen extrem wichtig ist. Wir sind alle miteinander verwandt. Fun Fact. Gleichzeitig wird Hass geschürt. Jeder zeigt auf jeden. Was immer in Gewalt endet.

Zeitgleich werden Menschen, die sich scheuen globale Probleme anzugehen aber den Mars besiedeln wollen gefeiert und mit Geld überschüttet. Das kann nicht lange gut gehen. Die Verhälntnisse sind global gesehen einfach zu extrem geworden um mittelfristig toleriert zu werden. 

Die Gemeinsamkeiten wieder zu unterstreichen und den international verbindenden Einrichtungen wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken wäre jetzt mehr als wichtig.

Mit unserer Bewegung versuchen wir hier seit langem unseren Teil beizutragen. Das Verbindende zu unterstreichen und mehr Unterstützung füreinander zu fördern. Genau hierum geht es bei uns. Und gleichzeitig zu zeigen, dass dies auch als wirtschaftlich relevanter Spieler eine echte Möglichkeit ist. Und ab jetzt sogar gemeinsam. Mit all denen, die es für ähnlich relevant halten wie wir.

Fazit

Lemonaid zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Mehrwert kein Widerspruch sein müssen. Mit innovativen Konzepten und Transparenz setzt das Unternehmen Anreize Wirtschaft neu zu denken. Wenn Sie mehr von Paul Bethke erfahren möchten, können Sie hier den Podcast „NEU DENKEN“ mit Maja Göpel hören.

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